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Kapitel IV:

Bahá'í Institute for Higher Education - die Bahá’í Hochschule

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ie New York Times nannte es einen 'hoch entwickelten Akt gemeinschaftlicher Selbsterhaltung' und meinte das von der Bahá'í-Gemeinde 1987 gegründete Bildungsprogramm. Damit sollte den Bildungsbedürfnissen junger Menschen entsprochen werden, denen durch die iranische Regierung der Zugang zur Hochschulbildung systematisch verwehrt worden war.

Über die Jahre entwickelte sich das Bildungsprogramm zu einer vollwertigen Universität, die als Bahá'í Institute for Higher Education (BIHE) bekannt wurde.

Die meisten Kurse des Bahá’í Institute for Higher Education wurden in Privaträumen wie diesem abgehalten. Der Professor an der Tafel hat den Rücken zur Kamera gerichtet. Bild mit hoher Auflösung >

Mitte 1998 zählte die Bahá’í-Hochschule rund 900 Studierende, einen Lehrkörper mit mehr als 150 erstklassigen Akademikern und Dozenten, sowie vollständige Kursangebote in zehn verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Der Hochschulbetrieb erfolgte zum Großteil über Fernunterricht und kleine Klassen in Privatwohnungen. Vorhanden war aber auch eine kleine „Infrastruktur“, bestehend aus verschiedenen Klassenräumen, Laboratorien und Büchereien, die in ganz Iran verteilt waren. Die Bildungsangebote hatten dennoch ein so hohes Niveau, dass es einigen der ersten Absolventen gelang, an erstklassigen Universitäten im Ausland zugelassen zu werden.

Die Bahá’í-Hochschule war stark auf das Fotokopieren angewiesen. Einer der größten Rückschläge war daher der Überfall im Jahr 1998, bei dem einige leistungsstarke Fotokopierer konfisziert wurden. Bild mit hoher Auflösung >

Im September und Oktober des Jahres 1998 führten Beamte der iranischen Regierung eine Serie weitläufiger Razzien durch, bei der mindestens 36 BIHE-Dozenten und -Mitarbeiter festgenommen wurden. Sie beschlagnahmten Geräte, Ausstattung und Unterlagen der Hochschule, die sich in über 500 Haushalten befanden. Diejenigen, die festgenommen wurden - viele von ihnen wurden mittlerweile entlassen -, forderte man auf, eine Erklärung zu unterzeichnen, dass die BIHE nicht mehr existiere und sie nicht mehr mit ihr kooperierten. Die Inhaftierten verweigerten die Unterzeichnung eines solchen Dokuments.

In der Tat halten die Bemühungen der Bahá'í-Gemeinde, ihrer Jugend höhere Bildung zukommen zu lassen, weiter an -  ebenso wie die Versuche der Regierung, diese Bemühungen abzustellen.

In der Tat: die Bahá'í-Gemeinde kämpft dafür, ihrer Jugend weiterhin eine Hochschulbildung zukommen zu lassen - sowie auch die Versuche der Regierung weiterhin anhalten, sie an diesen Bemühungen zu hindern.

Zu Beginn des Jahres 2001 erfolgte ein weiterer Schlag gegen das Recht der Bahá'í auf Bildung. Drei von Gemeindemitgliedern genutzte Unterrichtsräume wurden beschlagnahmt. Und 2002 wurde ein Dozent, der Jugendliche in der Stadt Qaim-Shahr unterrichtete, zum Geheimen Nachrichtendienst vorgeladen. Ihm wurde befohlen, sich auszuweisen und der Behörde alle Hefte und Bücher vorzulegen.

Als die Bahá’í-Hochschule am 19. Juli 2002 überall im Land ihre Eingangsexamina abhielt, drangen in der Stadt Shiraz iranische Revolutionswächter an drei verschiedenen Prüfungsstellen ein, nahmen die Vorgänge mit Videokameras auf und beschlagnahmten 25 Testbögen. In Mashhad überfielen Revolutionswächter am selben Tag alle fünf Prüfungsorte und beschlagnahmten alle Examenspapiere sowie Bahá'í-Literatur.

„Das Ziel der iranischen Regierung ist es, die [Bahá'í-] Universität zu schließen und diese bildungsorientierte und geistige Bewegung zum Verstummen zu bringen“, kommentierte ein Bahá'í, der eng mit der Arbeit der Universität verbunden war und nach den Übergriffen des Jahres 1998 ungenannt bleiben wollte. „Sie behaupten, dass ein Bahá'í weder das Recht hat, sich zu entwickeln, noch höhere Bildung haben darf. So soll die Gemeinde verelenden und geschwächt werden.“

Eine kreative und gewaltfreie Antwort

Der Aufbau der BIHE ist eine bemerkenswert kreative und vollkommen gewaltfreie Antwort auf die anhaltenden Bestrebungen der iranischen Regierung, der Bahá'í-Jugend  im Iran Hochschulbildung vorzuenthalten.

Bis zu den Überfällen der Regierung Ende September 1998 bot die Hochschule den Bachelor-Abschluss in zehn Fachbereichen an: Chemie, Biologie, Zahnmedizin, Pharmazie, Bauingenieurwesen, Informatik, Psychologie, Jura, Literatur und Rechnungswesen. Innerhalb dieser Fachbereiche, die von fünf „Dekanaten“ verwaltet wurden, war die Hochschule in der Lage jedes Semester weit über 200 unterschiedliche Kurse anzubieten. Anfänglich basierten die Kurse auf Fernlehrgängen, die von der Indiana Universität (USA) entwickelt worden waren, eine der ersten Bildungsinstitutionen im Westen, die das Bahá'í Institute for Higher Education anerkannten. Später wurden die Kursangebote dann eigenständig von der BIHE entwickelt.

Die Lehre wurde grundsätzlich über Korrespondenz durchgeführt oder – bei spezialisierten naturwissenschaftlichen und technischen Kursen und in anderen besonderen Fällen – in Kleingruppen, die gewöhnlich in Privathaushalten zusammen kamen.

„Anfangs kannten die Studenten noch nicht einmal die Namen ihrer Dozenten“, berichtete ein BIHE-Professor nach den Überfällen von 1998. „Selbst nach drei oder vier Jahren wussten die Studenten die Namen ihrer Professoren nicht. Sie hatten diese nie gesehen, denn das war sehr gefährlich. Wenn jemand ihre Namen kennt, könnte er es vielleicht seinen Freunden erzählen. Daher wurde von Beginn des Unterfangens an alles über Korrespondenz abgewickelt.“

Mit der Zeit konnte die Bahá’í-Hochschule einige wenige Laboratorien für Informatik, Physik, Zahnmedizin, Pharmazie, angewandte Chemie und auch Sprachen einrichten. Diese waren in privaten Geschäftsgebäuden in und rund um Teheran untergebracht. Über den Einsatz dieser Laboratorien wurde wohlweislich Stillschweigen bewahrt und die Studenten wurden dazu angehalten, nicht in großen Gruppen ein- und auszugehen, die den Behörden Anlass zu Beanstandungen geben würden.

Eine Hochschule der Ehrenamtlichen und Freiwilligen

Auf ihrem Höhepunkt hatte die Hochschule mehr als 150 Dozenten und Dozentinnen. Darunter befanden sich etwa 25 bis 30 Professoren, die nach der islamischen Revolution 1979 von staatlich geführten Universitäten entlassen worden waren. Zu den Mitgliedern des Lehrkörpers zählten zudem Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure, die ihre Zeit zur Verfügung stellten, um Studenten zu unterrichten. Die Mehrheit von ihnen hatte im Iran studiert, aber eine ganze Reihe besaß Abschlüsse von Universitäten im Westen, darunter das Massachusetts Institute of Technology, die Columbia University, die University of California at Berkeley und die Sorbonne. Keiner der Dozenten wurde bezahlt; sie alle brachten sich freiwillig im Sinne eines Dienstes an der Gemeinde ein.

„Diese Jugendlichen sind sehr wertvolle Menschen“, erklärte eine Dozentin die Bereitschaft, derartige Risiken auf sich zu nehmen, um die Hochschule aufzubauen. Und das ohne eine finanzielle Vergütung. „Sie sind uns allen wichtig. Sie sind durch Prüfungen und Schwierigkeiten gegangen und waren ohne Hoffnung. Ihnen blieben viele Dinge versagt. Wenn es also irgendeine Möglichkeit gab, ihnen etwas Besseres zu bieten, mussten wir sie ergreifen.“

Jedes der fünf Dekanate nahm nicht nur die Dienste dieser freiwilligen Professoren in Anspruch, sondern auch die einer kleinen und anonymen Gruppe von Bahá'í-Akademikern in Nordamerika, Europa und Australien, die die aktuellste Fachliteratur und Forschungspapiere zuschickten, bei gelegentlichen Besuchen im Iran Gastvorträge hielten und ansonsten fachliche wie technische Unterstützung leisteten.

Ein hoher akademischer Standard

Die Zulassung zur BIHE setzte das Bestehen eines Eingangsexamens voraus. Der akademische Standard war hoch. Von rund 1.500 Studenten, die sich für eine Zulassung im ersten Jahr des Bestehens der Hochschule bewarben, wurden lediglich 250 zum ersten Semester angenommen. 1996 waren insgesamt 600 Studierende an der Bahá’í-Hochschule eingeschrieben, 1998 waren es etwa 900.

Ein Nachweis für das erstaunlich hohe akademische Niveau der Hochschule ist auch die Tatsache, dass es einer Anzahl von Absolventen gelang, an Graduiertenschulen außerhalb des Iran zugelassen zu werden, darunter bekannte Universitäten in den USA und Kanada. Es soll jedoch ergänzt werden, dass einige der Absolventen und Studenten auch Schwierigkeiten bei der Anerkennung ihrer Studienleistungen im Ausland hatten,  – eine unmittelbare Folge der Strategie der iranischen Regierung, den Bahá’í den Zugang zu Bildung zu versperren, und ihrer Weigerung, die Hochschule offiziell anzuerkennen.

Eine komplexe Verwaltung

Wie bekannt, funktionierte die Bahá’í-Hochschule im Wesentlichen wie eine Fernuniversität. Dennoch wurden selbst in den ersten Jahren die Abläufe behindert und gestört. So verschickten Studenten und Dozenten ihre Arbeiten und Lektionen anfänglich über das staatliche Postsystem. Aber die Pakete erreichten oftmals ihren Empfänger nicht und wurden vermutlich als Teil der staatlichen Versuche, in das Bahá'í-Bildungssystem einzugreifen, abgefangen. Später behalf sich die Hochschule mit einem eigenen Zustelldienst und setzte junge Leute auf Motorrädern ein.

Nachdem die Professoren ihre Vorlesungen nicht offen abhalten konnten, bereiteten sie diese schriftlich auf und verfassten Lehrbücher zur Verteilung an die Studenten. Einige dieser Bücher basierten auf den aktuellsten Forschungsergebnissen der westlichen Welt. So studierte ein Bauingenieurstudent beispielsweise die Konstruktion eines erdbebensicheren Erdsilos. Die Kontakte der Hochschule im Ausland waren in der Lage, einige der aktuellsten Forschungsergebnisse über dieses Thema vom Massachusetts Institute of Technology zu beziehen.

Der gesamte Betrieb war sehr auf das Fotokopieren angewiesen und einer der größten Rückschläge während der Übergriffe des Jahres 1998 war daher die Beschlagnahmung mehrerer großer Fotokopierer.

Die Bahá’í-Hochschule besaß auch ein Netzwerk von über 45 Bibliotheken im ganzen Land. Sie waren in privaten Haushalten der Bahá'í untergebracht und ermöglichten den Studierenden in jedem Bezirk den Zugriff auf die nötige Fachliteratur für die Kurse. Einige dieser Bibliotheken wurden ebenfalls während der Razzien von 1998 beschlagnahmt.

Noch vor diesen Razzien hatten die Verantwortlichen der Hochschule begonnen, vermehrt Seminare in Privatwohnungen zu organisieren, da sie ein zunehmendes Vertrauen in ihre Arbeitsweise verspürten.  Die Hochschule begann auch, Kursverzeichnisse zu veröffentlichen, wobei nicht nur die Kursangebote aufgelistet wurden, sondern auch die Qualifikationen der Dozenten. Mit Hilfe des internationalen Netzwerkes von Bahá'í-Gemeinden weltweit begann die Bahá’í-Hochschule zudem Wege erschließen,  um seinen Absolventen die volle Anerkennung an anderen Hochschulen außerhalb des Irans zu ermöglichen.

 

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