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Kapitel II:

Die aktuelle Situation

I

m Gegensatz zu der in den achtziger Jahren verfolgten Strategie unverhohlener Morde, Inhaftierungen und Folterungen der Bahá’í hat sich die iranische Regierung in den letzten Jahren weitgehend darauf konzentriert, Bahá’í durch wirtschaftliche und soziale Repressalien aus dem Iran zu vertreiben, und ihr Kultur- und Gemeindeleben zu zerstören.

Zu diesen Maßnahmen gehören anhaltende Bemühungen, Bahá’í von höherer Bildung auszuschließen, ihnen die Möglichkeiten zum Erwerb ihres Lebensunterhaltes zu versagen und sie der geistigen Inspiration durch ihre heiligen und historischen Stätten zu berauben.

Die Regierung hat sich auch der Mittel der willkürlichen Inhaftierungen und der wiederholten Beschlagnahmungen privaten Eigentums bedient, um die Integrität der Gemeinde zu stören. Darüber hinaus droht weiterhin jederzeit die Gefahr der Inhaftierung und Hinrichtung.

Vor allem aber bleiben der Bahá’í-Gemeinde all jene grundlegenden religiösen Freiheiten vorenthalten, die ihr durch — auch vom iranischen Staat ratifizierte — internationale Menschenrechtsübereinkommen gewährt werden. Dazu gehören die Rechte der Bahá’í, sich zu versammeln, ihre Führung zu wählen und ihre Religion öffentlich durch „Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen“, wie es in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt.

Verweigerung des Zugangs zu Bildung

Die Weigerung der Regierung, jugendlichen Bahá’í den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen, zeigt wohl am deutlichsten, dass die iranische Regierung mit ihrer Strategie der geräuschlosen Strangulierung zum Äußersten bereit ist.

Kurz nach der Islamischen Revolution 1979 wurde eine große Anzahl von Bahá’í-Kindern und -Jugendlichen der Schulen verwiesen. Diese Schulverweise erfolgten nicht etwa gezielt gegenüber jenen Kindern, die am deutlichsten als Bahá’í zu erkennen waren, sondern zogen sich systematisch durch das gesamte Bildungssystem, von Grund- über weiterführende Schulen bis hin zu den Hochschulen, zu denen der Zugang faktisch völlig ausgeschlossen war.

In den neunziger Jahren wurde — teilweise als Reaktion auf internationalen Druck — Schülern an Grund- und weiterführenden Schulen der Schulbesuch wieder gestattet. Der Zugang zum öffentlichen und privaten Hochschulwesen ist Bahá’í-Jugendlichen aber nach wie vor verwehrt.

Die Regierung hat sich eines sehr einfachen Mechanismus bedient, um Bahá’í von Hochschulbildung auszuschließen: Sie hat einfach verfügt, dass bei dem zentralen staatlichen Eingangsexamen für die Universitäten die Religionszugehörigkeit anzugeben ist. Bewerber, die eine andere als eine der vier im Iran offiziell anerkannten Religionen — Islam, Christentum, Judentum und Zoroastrismus — angeben, werden ausgeschlossen.

Ein junger iranischer Bahá’í beschrieb das Vorgehen folgendermaßen: “Im Iran muss man sich für eine Aufnahmeprüfung zu den Hochschulen bewerben. Nur wer diese Prüfung besteht, kann eine Hochschule besuchen. Es gibt ein Feld [auf den Bewerbungsbögen], welches nach der Religionszugehörigkeit fragt. Als Antwortmöglichkeiten gibt es lediglich Islam, Christentum, Judentum und Zoroastrismus. Wir alle [die Bahá’í-Bewerber] haben dieses Feld frei gelassen. Ich schrieb an die linke Seite ‚Bahá’í‘. Daraufhin durften wir an der Prüfung nicht teilnehmen. Der Eintritt in den Prüfungsraum wurde uns verwehrt. Wir können diese Prüfung überhaupt nicht ablegen.”

Die jahrelange Verweigerung des Zugangs zu Hochschulbildung hat eine demoralisierende Wirkung auf die Bahá’í-Jugend gehabt; offensichtlich soll mit dem Rückgang des Bildungsniveaus die Verelendung der Gemeinde beschleunigt werden. In der Bahá’í-Religion wird Bildung und Erziehung aber einen hohen Stellenwert beigemessen, und die Bahá’í gehörten immer zu den am besten ausgebildeten Bevölkerungsgruppen im Iran.

In den späten achtziger Jahren versuchten die Bahá’í, die Auswirkungen des Ausschlusses von höherer Bildung durch die Gründung einer eigenen Bildungseinrichtung zu mildern. Die als Bahá’í Institute for Higher Education (BIHE) bekannte Hochschule bot überall in Privatwohnungen Unterricht an, der durch Kurse in über das Land verteilte, fachspezifischen Unterrichtsräumen, Laboren und Bibliotheken ergänzt wurde. Auf ihrem Höhepunkt waren an der BIHE mehr als 900 Studenten eingeschrieben. [vgl. Das Bahá’í Institute for Higher Education, S. 19]

1998 wurden jedoch große Teile der Bahá’í-Hochschule geschlossen, nachdem Regierungsbeamte in einer Serie von Razzien mindestens 36 Mitglieder des Lehrkörpers und der Mitarbeiter festnahmen sowie Unterlagen und Ausstattung beschlagnahmten.

Die Razzien lenkten beträchtliche internationale Aufmerksamkeit auf das unterdrückerische Handeln der iranischen Regierung. Menschenrechtsorgane der Vereinten Nationen verlangten ein Ende der religiösen Diskriminierung von Bahá’í-Studierenden, und verschiedene Regierungen drängten den Iran dazu, Bahá’í wieder zu den Universitäten zuzulassen.

Ende 2003 verkündete die Regierung als offensichtliche Antwort auf diesen Druck, dass die Angabe der Religionszugehörigkeit in den Bewerbungsbögen zum zentralen staatlichen Eingangsexamen nicht länger erforderlich sei.

Die jahrelange Verweigerung des Zugangs zu Hochschulbildung hat eine demoralisierende Wirkung auf die Bahá’í-Jugend gehabt; offensichtlich soll mit dem Rückgang des Bildungsniveaus die Verelendung der Gemeinde beschleunigt werden. In der Bahá’í-Religion wird Bildung und Erziehung aber einen hohen Stellenwert beigemessen, und die Bahá’í gehörten immer zu den am besten ausgebildeten Be-völkerungsgruppen im Iran.

Die Bahá’í-Jugendlichen glaubten damals, dass nun der Weg frei sei, die Aufnahmeprüfung abzulegen und sich im Herbst 2004 an den Universitäten einzuschreiben.

Der Wegfall des die Religionszugehörigkeit abfragenden Feldes im Bewerbungsbogen war für die Bahá’í-Jugendlichen, die an die Universitäten wollten, von entscheidender Bedeutung. Die Regierung hatte immer erklärt, dass den Bahá’í die Immatrikulation gestattet werden würde, sofern sie sich als Muslime bezeichneten. Es ist aber ein religiöser Grundsatz der Bahá’í, die Religionszugehörigkeit nicht zu verheimlichen oder zu leugnen. Vorzugeben, ein Muslim zu sein, um zur Universität zugelassen zu werden, war daher unvorstellbar.

Falsche Versprechungen

Aufgrund des Versprechens, dass die Religionszugehörigkeit keine Rolle spielen würde, meldeten sich im Jahr 2004 rund 1.000 Bahá’í für das zentrale staatliche Eingangsexamen an und legten die Aufnahmeprüfung ab. Und tatsächlich gab es in den Unterlagen keine Abfrage der Religionszugehörigkeit.

Allerdings mussten die Studenten auch eine besondere Prüfung in einem religiösen Fach ablegen, die in der Islamischen Republik Iran für alle obligatorisch ist und zu einem ganzen Kanon von Prüfungen von Fächern wie Mathematik, Sprache, Geschichte usw. gehört. Angeboten wurde die Fachprüfung Religion zu vier Themen: Islam, Christentum, Judentum und Zoroastrismus — entsprechend den vier im Iran anerkannten Religionen.

Die Mehrzahl der Bahá’í-Studienbewerber entschied sich für das islamische Thema, da der Islam als vorherrschende Religion in allen Schulen unterrichtet wird und die meisten Bahá’í daher über gute Kenntnisse seiner Glaubenslehre verfügen.

Als aber die Prüfungsergebnisse im August an die Kandidaten versandt wurden, enthielten die Ergebnisbögen in einem Formularfeld zur Religionszugehörigkeit der angehenden Studenten wider Erwarten den von den Behörden vorgenommenen Eintrag “Islam”.

“Dieses Doppelspiel überraschte die Bahá’í-Gemeinde”, schrieb die iranische Bahá’í-Gemeinde in einem Brief an den iranischen Präsidenten Mohammad Khatami. “Leider war die gute Nachricht, dass die Frage nach der Religion der Bewerber bei der nationalen Aufnahmeprüfung zu den Universitäten entfallen war… von recht kurzer Dauer.”

Von den Bahá’í damit konfrontiert, erklärten Beamte zynisch, dass sie diese Eintragung vorgenommen hätten, weil sie davon ausgegangen seien, dass die Wahl der Fachprüfung zum Islam de facto einem Bekenntnis zum Islam gleichkäme.

Die Absicht der Behörden wurde noch deutlicher, als sich eine Gruppe von Bahá’í-Studienbewerbern bei der nationalen Educational Measurement and Evaluation Organisation (EMEO) beschwerte, und fragte, ob die Prüfungsergebnisse mit korrigierten Angaben zurückgesandt werden könnten. In einer Fußnote im Begleitschreiben zu den Prüfungsergebnissen hieß es, dass fehlerhafte Namensangaben und Anschriften korrigiert und zurückgesandt werden könnten und sollten.

Wie jedoch bei einer Korrektur der Angaben zur Religionszugehörigkeit zu verfahren sei, ließ sich dem Schreiben nicht entnehmen. Den Bahá’í wurde von EMEO-Beamten erklärt, dass “eine falsche Eintragung der Religion nicht korrigiert würde”, weil das Bahá’ítum nicht zu den im Iran offiziell anerkannten Religionen zähle.

Kurz nach diesem Treffen verfassten Bahá’í-Studienbewerber ein Beschwerdeschreiben an die EMEO. Die Studienbewerber protestierten darin ausdrücklich dagegen, als Muslime bezeichnet worden zu sein, nachdem ihnen versprochen worden war, dass sie ihre Religionszugehörigkeit nicht würden angeben müssen, um an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen.

Zunächst schienen die Beamten der EMEO Verständnis für ihr Problem aufzubringen, und erlaubten den Bahá’í sogar, eine revidierte Fassung der Einschreibeformulare ohne Religionsangabe auszufüllen.

“Ein weiterer Hoffnungsfunke wurde dadurch in den Herzen der Bahá’í-Jugendlichen entzündet, die sich umgehend aufmachten die Behörden aufzusuchen, um ihr Studiengebiet auszuwählen”, schrieb die Bahá’í-Gemeinde im Iran in ihrem Brief an Präsident Khatami.

Obgleich etwa 800 Bahá’í-Studienbewerber, die die Aufnahmeprüfung bestanden hatten, auch das revidierte Formular rechtzeitig einreichten, waren in der von der EMEO am 12. September 2004 bekannt gemachten Liste der zu den Universitäten zugelassenen Studenten lediglich zehn ihrer Namen verzeichnet.

Dabei ist erwähnenswert, dass viele Bahá’í in der Aufnahmeprüfung hohe Punktzahlen erreichten, bei der Studienplatzvergabe aber übergangen wurden, während viele muslimische Studenten mit schlechteren Ergebnissen zum Studium zugelassen wurden.

Dabei ist erwähnenswert, dass viele Bahá’í in der Aufnahmeprüfung hohe Punktzahlen erreichten, bei der Studienplatzvergabe aber übergangen wurden, während viele muslimische Studenten mit schlechteren Ergebnissen zum Studium zugelassen wurden.

Die zehn zugelassenen Bahá’í-Studenten lehnten es aus Solidarität mit den zu Unrecht diskriminierten übrigen der 800 Studienbewerber schließlich ab, sich bei den Universitäten, zu denen sie zugelassen worden waren, zu immatrikulieren. Und so wurden auch für das akademische Jahr 2004-2005 einmal mehr junge Bahá’í vom Zugang zur Hochschulbildung ausgeschlossen.

Die iranische Regierung hat ihr befremdliches Spiel für das akademische Jahr 2005-2006 fortgesetzt. Bis Mitte August 2005 hatten hunderte Bahá’í die Ergebnisse ihrer Aufnahmeprüfung erhalten: Und wiederum hatte die Regierung fälschlich “Islam” als religiöse Bezeichnung der Bahá’í-Studienbewerber eingetragen.

Aus Sicht der Bahá’í verfolgt die Regierung mit diesem zynisch berechneten Vorgehen eine ganze Reihe von Zielen. Erstens soll die iranische Bahá’í-Jugend offenbar demoralisiert werden, damit sie das Land verlässt. Zweitens ermöglichte es den iranischen Behörden, Bahá’í mit herausragenden akademischen Begabungen namentlich zu identifizieren, die eines Tages bei der Wiederherstellung des Wohlergehens der Bahá’í-Gemeinde eine belebende Rolle spielen könnten. Drittens versetzte das Vorgehen die iranische Regierung in die Lage, gegenüber internationalen Menschenrechtsorganisationen zu erklären, dass den Bahá’í die Möglichkeit zur Einschreibung gewährt worden war, und dass es die Bahá’í selbst waren, die diese Gelegenheit ausschlugen.

Der Regierung ist seit langem bekannt, dass die Bahá’í ihren Glauben aus Prinzip nicht verfälscht oder falsch darstellen können und wollen. Mit seinem Vorgehen verfolgt der Iran daher ohne Zweifel keinen geringeren Zweck, als einer ganzen Generation von Bahá’í von Staats wegen systematisch das Recht auf höhere Bildung zu verweigern.

 

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